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“Wir sind Spezialisten für das gesamte Fahrwerk“

18.09.2026

MEYLE stellt Autoersatzteile her und entwickelt für seine HD-Linie technisch verbesserte Alternativen zu Originalteilen. Vorstand Marc Siemssen im Interview mit GATEWAY über längere Haltbarkeit, Fahrzeugdaten und Chancen der Elektromobilität.

Zur Automechanika Frankfurt 2026 hat Michael Hopp für Gateway to Automotive mit führenden Köpfen der Industrie zum Thema Transformation gesprochen. Lesen Sie hier das erste Interview der fünfteiligen Serie mit MEYLE-Vorstand Marc Siemssen.

Lesedauer: 3 Minuten

Marc Siemssen
Marc Siemssen, Vorstand MEYLE AG. Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH / Petra Welzel

Herr Siemssen, wie erleben Sie derzeit die Stimmung im freien Ersatzteilmarkt? Profitiert die Branche von älter werdenden Fahrzeugen oder macht sich die Krise der Autoindustrie bereits bemerkbar?

Die Stimmung ist insgesamt gut, wobei es regionale Unterschiede gibt. In Deutschland sind die freien Werkstätten gut ausgelastet. Vereinzelt hören wir, dass Reparaturen aufgeschoben werden. Gleichzeitig werden Fahrzeuge nachweislich länger genutzt. Daraus ergeben sich Chancen für den freien Ersatzteilmarkt.

MEYLE HD soll bekannte Schwächen von Originalteilen technisch verbessern. Wie identifizieren Sie diese Schwachstellen, und woran erkennt eine Werkstatt den Unterschied?

Wir werten TÜV-Berichte und Daten aus verschiedenen Quellen aus. Zeigen sich erhöhte Ausfallraten, untersuchen wir die Ursachen und prüfen Teile selbst. Unsere neue EV-Werkstatt dient dabei als praxisnahes Labor: Dort sehen wir an Kundenfahrzeugen, welche Probleme auftreten. Bei Fahrwerksteilen für Tesla verwenden wir beispielsweise robustere Materialkombinationen und verstärkte Konstruktionen. Bei vielen HD-Produkten kann man den Unterschied sehen und fühlen; bei anderen liegt die Verbesserung im Inneren. Auf alle HD-Teile geben wir vier Jahre Garantie.

„Mit lokalen Teams vor Ort untersuchen wir weltweit die Märkte.“

Moderne Fahrzeuge lassen sich digital stärker abschotten. Erhalten freie Werkstätten ausreichend Zugang zu Diagnose- und Reparaturdaten?

Aktuell funktioniert der Zugang noch, aber die Hürden werden höher. Werkstätten müssen erheblich in Diagnosegeräte investieren und gelangen trotzdem nicht immer tief genug in die Fahrzeugsysteme. Branchenverbände kämpfen deshalb für einen fairen Datenzugang. Die Krise der Hersteller könnte den politischen Druck erhöhen, deren Geschäftsmodelle stärker zu schützen. Das wäre eine echte Bedrohung für den freien Markt.

Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH / Pietro Sutera

Auf der Automechanika zeigen Sie zahlreiche Neuheiten. Welche strategische Richtung steht dahinter?

Wir wollen als Spezialist für das gesamte Fahrwerk wahrgenommen werden. Früher haben wir stärker auf einzelne Komponenten geschaut. Heute analysieren wir das Fahrwerk als System und bauen unser Portfolio für Reparaturen aus einer Hand aus. Zu den Highlights zählen unsere erste MEYLE HD-Bremsscheibe und HD-Antriebswelle, Fahrwerk-Komplettsätze und die neuen Stoßdämpfer für Tesla Model 3 und Model Y. Entscheidend ist die durchgängige Fahrwerkslösung.

Ist die Elektromobilität für MEYLE eine Bedrohung oder eine Chance?

Ganz klar eine Chance. Auch ein Elektroauto besitzt ein Fahrwerk, und genau dort liegt unsere Kompetenz. Das höhere Gewicht und die starke Beschleunigung erhöhen die Belastung. Zugleich werden in den leiseren Fahrzeugen Geräusche und Vibrationen des Fahrwerks deutlicher wahrgenommen. Das verlangt teilweise andere Materialien und Abstimmungen. Auch die Rekuperation verändert die Beanspruchung der Bremsen. Unser Portfolio ist kaum vom Verbrennungsmotor abhängig.


MEYLE hat internationale Märkte früher stark aus Hamburg gesteuert. Wie funktioniert Ihr neues Modell mit lokalen Teams – und was lernen Sie dadurch über Asien?

Wir haben lange versucht, die Welt aus Hamburger Perspektive zu verstehen, und sind damit an Grenzen gestoßen. Seit etwa drei Jahren bauen wir deshalb weltweit lokale Teams auf. Für Asien-Pazifik sammelt ein eigenes Team Marktdaten und spricht direkt mit Kunden darüber, welche Teile sie benötigen, und welches Preisniveau der Markt akzeptiert. Diese Erkenntnisse fließen in unsere Entscheidungen über Sortiment und Angebot ein. Das Modell trägt erste Früchte und öffnet neue Türen. Deutscher Qualitätsanspruch wird in vielen asiatischen Ländern geschätzt, doch die Marke und ihr Mehrwert müssen dort erst bekannt werden. In China ist das besonders schwierig, weil Originalteile einen sehr hohen Stellenwert haben.

Michael Hopp

Text: Michael Hopp

Head of Content bei der Gateway-Redaktion und absoluter Pionier beim Erkennen von Automotive Trends

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