Lesedauer: 3 Minuten
Herr Henning, die Technik von SKF steckt in Millionen Fahrzeugen, doch viele Autofahrer kennen den Namen kaum. Wo begegnet uns SKF im Auto?
Überall dort, wo sich etwas dreht. Und wenn man genauer hinschaut, dreht sich im Auto erstaunlich viel: im Motor, Getriebe, in den Achsen oder an den Rädern. SKF hat 1907 das selbstausrichtende Kugellager erfunden und übrigens auch Volvo gegründet, nicht umgekehrt. Unser Antrieb waren immer Innovationen mit konkretem Nutzen: weniger Reibung, Kraftstoffverbrauch und Material. Das hat sicher mit unserer schwedischen Kultur zu tun. Wir entwickeln nicht um der Technik willen, sondern für Nutzer und Gesellschaft.
SKF will sein Automobilgeschäft als SKF Vertevo an die Börse bringen. Warum braucht es diese Unabhängigkeit und geht es dabei stärker um Sparen oder um neue Investitionen?
Der Kostendruck ist nicht neu. Wir müssen Geld verdienen, denn nur dann können wir in neue Produkte investieren. Er war aber nicht der Treiber der Abspaltung. Entscheidend ist der volle Fokus auf Automotive. Heute werden Investitionen im Gesamtkonzern verteilt; künftig fließen unsere eigenen Mittel zu 100 Prozent in das Automotive-Geschäft. Auch Logistik, Kundenservice und Produktmanagement werden vollständig auf OE und Aftermarket zugeschnitten. Das macht uns schneller und verbessert den Service.
Elektroautos stellen Lager durch hohe Drehzahlen, große Drehmomente und geringe Geräuschtoleranzen vor neue Aufgaben. Ist die Elektromobilität für SKF ein Wachstumstreiber?
Ganz klar, sie ist ein Technologietreiber. Mehr als 80 Prozent unseres Portfolios sind unabhängig von der Antriebsart; Lager braucht jeder Antrieb. Aber die Anforderungen ändern sich. In einem Elektromotor können Ströme durch ein Stahllager fließen, Funken und Korrosion verursachen und zu Geräuschen oder Ausfällen führen. Deshalb setzen wir etwa Keramikkugeln ein, die isolieren, ein wenig wie der Isolator am Weidezaun. Alternativ leitet ein Kohlebürstenring den Strom ab. Welche Antriebsart sich durchsetzt, ist für uns weniger entscheidend: Wir beherrschen alle drei Technologien.
„Wir haben weltweit 13 Innovationzentren nahe bei unseren Kunden.“
SKF zeigt längst mehr als Radlager. Wie weit wollen Sie sich zum Systemanbieter entwickeln, ohne das Profil der Marke zu verwässern?
Wir erweitern das Aftermarket-Portfolio dort, wo wir Kompetenz aus der Erstausrüstung mitbringen. Unsere Antriebswellen werden etwa von uns entwickelt und in Italien produziert. Bei Federbeinlagern sind wir Weltmarktführer; deshalb liegt ein ergänzendes Fahrwerksprogramm nahe. Auch bei Bremsscheiben mit integriertem Radlager haben wir OE-Erfahrung. Unser Programm deckt rund die Hälfte dessen ab, was eine Werkstatt benötigt. Wir ergänzen es gezielt, aber nicht beliebig.
Was bedeutet der Schritt vom Produkt zum Lösungsanbieter konkret für freie Werkstätten?
Gerade bei Elektrofahrzeugen reicht das Ersatzteil allein nicht. Die Werkstatt braucht Wissen, Training und Spezialwerkzeuge, um eine Einheit aus Elektromotor und Getriebe instand zu setzen. Durch Gewicht und hohes Drehmoment kann der Verschleiß steigen, zugleich sind neue Antriebseinheiten sehr teuer. Deshalb setzen wir auf Reparaturlösungen im Feld: Die Werkstatt repariert Komponenten, statt die ganze Einheit auszutauschen. Damit sind wir bereits sehr erfolgreich.
China, Indien und Lateinamerika wachsen schneller als Europa. Wie stark muss sich ein schwedisches Traditionsunternehmen dort lokalisieren und wie erleben Sie die Stimmung auf der Messe?
Lokalisierung ist unverzichtbar. Wir haben 13 Innovations- und Technologiezentren nahe bei unseren Kunden, unter anderem in China, Indien, Mexiko, Brasilien und Europa, und produzieren regional. Unser europäisches Portfolio wollen wir angepasst an den lokalen Bedarf weltweit ausrollen. Zugleich zeigt die Messe, wie wichtig persönlicher Austausch bleibt. Man fragt ja, ob es solche Veranstaltungen in Zeiten von Social Media noch braucht. Unser Stand ist rappelvoll. Dieses Geschäft ist zum Glück ein People-Business. Wir nutzen den Computer dort, wo er hilft, aber am Ende arbeiten Menschen mit Menschen.