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Herr Colpron, erleben Sie den Aftermarket derzeit eher als verunsichert, oder sehen Ihre Kunden bereits neue Wachstumschancen?
Es gibt viele Veränderungen, aber Elektrifizierung, Software und vernetzte Fahrzeuge haben wir kommen sehen. Darauf konnten wir uns vorbereiten. Vor vier Jahren haben wir mit unseren Kunden über die Richtung gesprochen, vor zwei Jahren konkrete Lösungen vorgestellt. Heute sprechen wir über reale Geschäftsmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz bringt noch einmal eine neue Dimension. Entscheidend ist, nicht in Panik zu geraten: Der Wandel braucht Zeit, und zugleich bleibt das etablierte Geschäft wichtig.
Transformation gehört auch zur Geschichte von ZF. Wie hat sich das Unternehmen auf den technologischen Wandel vorbereitet?
Vor 20 Jahren war unser Portfolio deutlich stärker vom Verbrennungsmotor abhängig. Seitdem hat ZF es diversifiziert und besonders im Fahrwerk Positionen aufgebaut, die weniger von der Antriebsart abhängen. Im Antrieb bieten wir Lösungen für Verbrenner, Hybride und Elektrofahrzeuge. Im Aftermarket haben wir die Angebote unter einem Dach zusammengeführt. So begleiten wir unsere Kunden im Bestandsgeschäft und bei den neuen Technologien.
Sie gelten als „Mr. Uptime“. Schon bei unserem letzten Gespräch nannten Sie die Maximierung der Fahrzeugverfügbarkeit als strategisches Ziel. Was ist daraus konkret geworden?
Ich bin gerne Mr. Uptime! Die Strategie hat drei Säulen: Vertrauen stärken, das Portfolio ausbauen und das Ökosystem verbinden. Unsere OE-Kompetenz und Marken wie ZF, SACHS, WABCO, LEMFÖRDER sowie TRW treten stärker als gemeinsames Angebot auf. Vernetzte Fahrzeuge liefern Informationen für Flotten und Werkstätten; Diagnose, elektronische Kataloge und Bestellung greifen ineinander. So fließen Informationen schneller zwischen Flotte, Werkstatt und Handel, und Reparaturen dauern kürzer. Das verstehen wir unter Maximizing Uptime.
ZF muss Kosten senken und sein Portfolio stärker fokussieren. Was bedeutet diese Restrukturierung für das Aftermarket-Geschäft und seine Kunden?
ZF befindet sich in einer Phase, in der wir uns konzentrieren müssen. Das heißt nicht, dass es kein Zukunftsmodell gibt: Wir haben starke Produkte und Kundenbeziehungen. Aber im raschen technologischen Wandel dürfen wir uns nicht verzetteln. Wir investieren dort, wo wir eine eigenständige Position und Wachstumsmöglichkeiten haben. Für den Aftermarket gilt dieselbe Logik: Stärken ausbauen, nahe bei den Kunden sein und Investitionen auf Wachstumsmärkte richten.
ZF entwickelt sich vom Teilelieferanten zum Anbieter vernetzter Lösungen. Welchen praktischen Nutzen bringt der neue KI-Sprachassistent für ZF [pro]Manager und wo liegen die Grenzen der KI?
KI steht hier erst am Anfang. Ihr Zweck ist es, den Arbeitsalltag der Kunden zu erleichtern. So hilft beispielsweise unser neuer KI-Sprachassistent für ZF [pro]Manager – unser virtueller Empfang für Werkstätten – dabei, Kundenanrufe in natürlicher Sprache entgegenzunehmen, Serviceanfragen in Echtzeit zu verstehen und Termine direkt mit der aktuellen Werkstattplanung zu verknüpfen. Dadurch werden weniger Anrufe verpasst und die Mitarbeitenden am Empfang entlastet. KI ersetzt kein Fachwissen, kann aber dabei helfen, bestimmte Prozesse zu vereinfachen.
„Ich bin gerne Mr. Uptime“
Sind freie Werkstätten für Elektrofahrzeuge, Assistenzsysteme und softwaredefinierte Fahrzeuge ausreichend gerüstet und wo sehen Sie das größte Geschäftspotenzial der nächsten Jahre?
Wir sind in einer Übergangsphase. Flächendeckende Mobilität ist ohne einen starken freien Aftermarket nicht möglich; die Netze der Hersteller reichen dafür nicht aus. Freie Werkstätten brauchen markenübergreifende Diagnosen, die verfügbar, bezahlbar und cybersicher sind. Pay-per-Use hilft, wenn ein seltenes Modell nur ein- oder zweimal im Jahr kommt. Europa braucht zudem Regeln, die Datenzugang und Wettbewerb ermöglichen, aber Softwareinvestitionen schützen.
ZF bietet mehr als 7.300 Produkte an und zeigt auf der Messe unter anderem Hochvolt-Schulungen sowie eine TRW-Bremsflüssigkeit mit Recyclinganteil. Wo sehen Sie das größte Potenzial für die kommenden fünf Jahre?
Die Frage ist interessant, denn wir diskutieren auch intern häufig darüber, welches einzelne Produkt wir besonders hervorheben sollen. Unsere eigentliche Stärke ist aber gerade, dass wir sehr viele Lösungen aus einer Hand anbieten und damit einen erheblichen Teil des Werkstattbedarfs abdecken können. Das reicht von Pkw und Nutzfahrzeugen über Reparatur und Remanufacturing bis zu digitalen Lösungen, die Flotten, Werkstätten und Handel verbinden. Deshalb möchte ich kein einzelnes Produkt herausgreifen. Das Entscheidende ist das Zusammenspiel des gesamten Angebots.