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Der Straßengüterverkehr ist bis heute eine stark männerdominierte Branche. Gerade einmal rund vier Prozent der europäischen Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen sind Frauen.1 Dabei sucht die Branche dringend Nachwuchs: Nach aktuellen Zahlen der International Road Transport Union (IRU) sind in Europa rund 502.000 Fahrerstellen unbesetzt. Bis 2030 könnten zudem etwa 660.500 Fahrerinnen und Fahrer in den Ruhestand gehen.2 Frauen könnten damit für die Branche eine wichtige Rolle spielen – doch bislang gelingt es nur begrenzt, sie für den Beruf zu gewinnen. Als Hürden nennt die IRU unter anderem fehlende sichere und gut ausgestattete Park- und Rastplätze, lange Abwesenheiten von zu Hause und das nach wie vor negative Image des Berufs.3
Brita Matthiesen aus Hamburg arbeitet eine Jahreshälfte als Guide für Motorradtouren in Kolumbien (auch darüber konnte GATEWAY bereits mit ihr sprechen, das Interview kann hier nachgelesen werden), die andere Jahreshälfte fährt sie mit 40 Tonnen für die GARBE Transport Spedition durch die Hamburger Innenstadt – GATEWAY konnte sie bei einer ihrer Touren begleiten.
Wann hatten Sie zum ersten Mal den Gedanken: „Ich will Lkw fahren?“
Ich habe früher für eine Agentur gearbeitet, die Offroad-Motorrad-Rallys durch die Wüsten von Tunesien, Libyen und Marokko veranstaltet hat. Ich habe die Rallys mit dem Auto begleitet, um Reifen und Zelte von Checkpoint zu Checkpoint zu transportieren. Eines Tages wurde der Fahrer des Caterer-Trucks krank und ich wurde gefragt, ob ich einspringen könnte. Ich war vorher noch nie einen Truck gefahren, nur früher als Kind Trecker; mir haben immer große Fahrzeuge gefallen. Und so habe ich mich dann so ein bisschen Pippi-Langstrumpf-mäßig einfach ans Steuer gesetzt. Und ab da wusste ich, ich muss Lkw fahren und ich will das beruflich machen.
Wie sind Sie dann in Deutschland in der Spedition gelandet?
Ich habe in Deutschland dann den Lkw-Führerschein gemacht, aber mir fehlte natürlich noch die richtige Praxis. Beim Lkw-Fahren geht es ja nicht nur darum, das Fahrzeug zu bewegen. Man muss viele andere Dinge beherrschen: Wie funktioniert das mit den Containern und im Hafen generell? Wie sichere ich die Ladung? Wie funktionieren Kühlaggregate? Ich bin dann zu einer großen Spedition in Hamburg gegangen und habe gesagt, dass ich das gerne lernen möchte, ob ich nicht als Co-Pilotin eine Zeit lang bei jemandem mitfahren könnte. Denn mir fehlte noch der Mut, 40 Tonnen ganz auf mich allein gestellt durch die Innenstadt zu manövrieren. Jetzt arbeite ich seit mittlerweile 20 Jahren bei dieser Spedition.
Und wie hat Ihr Chef zuerst reagiert, als Sie nach einem Job gefragt haben?
Eigentlich wollte er mich lieber nicht einstellen. Zum einen konnte ich noch überhaupt gar nichts und zum anderen war ich die einzige Frau unter 200 Männern, was auch schnell mal zu Problemen führen kann. Er hat sich dann aber überreden lassen, und es gab auch nie ein Problem mit blöder Anmache seitens der Kollegen oder so. Ganz im Gegenteil, mir wurde am Anfang von fast allen geholfen, wenn ich zum Beispiel mal eine rostige Containertür nicht aufbekommen habe.
Wie fühlt es sich an, eine solche Riesenmaschine zu bewegen?
Ich habe auf jeden Fall Respekt. Ich denke, das hat jeder, der einen Lkw bewegt. Man muss sich konzentrieren, die Nerven behalten und Mitdenken. Ich weiß noch genau, als ich dachte, ich hätte mir nun genug abgeguckt, um allein fahren zu können. Ich bin mit zu dem Disponenten gegangen und meinte: „So, ich kann nun meine erste Tour allein fahren.“ Seine Antwort war nur: „Super, morgen um 5 Uhr fährst du los.“ Da hatte ich plötzlich richtig Angst und habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Wo schicken die mich hin? Fahre ich den Lkw kaputt? Schaffe ich es, an die Rampe zu rangieren? Passiert jemandem etwas? Komme ich auf den Hof und alle lachen mich aus? Heute bin ich natürlich deutlich entspannter, aber den Respekt habe ich immer noch.
Wie reagieren Kunden, Polizei oder Passanten, wenn sie merken, dass eine Frau den Lkw fährt?
Die Kunden sind zum Teil verwundert, vor allem, wenn man auch noch laden muss, da bieten sie mir manchmal Hilfe an. Mit der Polizei hatte ich erst zweimal bei Routinekontrollen zu tun, die waren auch überrascht, aber sehr zuvorkommend. Das eine Mal hatte ich eine Containertür nicht richtig an beiden Hebeln zugemacht, weil mir die Kraft für das verrostete Ding fehlte, da hat der Polizist das mit mir zusammen gemacht.
Und andere Kollegen?
Als ich angefangen habe, war ich noch die einzige Frau in der Spedition. Und wenn ich dann mit dem Lkw auf den Hof gefahren bin, haben wirklich alle geguckt. Man stand sofort auf dem Präsentierteller. Das hat mich am Anfang schon sehr genervt. Mittlerweile gucken sie nicht mehr; natürlich weil sie mich jetzt kennen und wissen, dass ich das kann, aber auch weil man inzwischen viel mehr Frauen sieht. Bei uns in der Spedition sind mittlerweile vier oder fünf Fahrerinnen. Und wenn ich unterwegs bin, sehe ich eigentlich jeden Tag mehrere Frauen am Steuer. Als ich angefangen habe, war das überhaupt nicht so.
Warum fahren Sie eigentlich keine Langstrecke?
Ich will lieber zuhause schlafen. Bisher habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber ich glaube, wenn ich regelmäßig auf Raststätten schlafen müsste, sähe das wahrscheinlich etwas anders aus. Ich will auch nicht jeden Tag Pommes mit Currywurst essen. Außerdem mag ich am Fahren das Vielfältige, also mal Hafen, mal Autobahn, mal Landstrasse, mal Innenstadt. Bei Langstrecken ist man ja hauptsächlich auf der Autobahn. Das ist nicht so mein Ding.
Viele Speditionen suchen dringend Nachwuchs. Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen diesen Beruf überhaupt in Betracht ziehen?
Ich glaube, die Branche muss an ihrem Image arbeiten. Viele haben immer noch dieses Bild vom schmuddeligen Truckfahrer im Kopf und teilweise ist das ja auch so. Aber ich glaube, wenn Lkw-Fahrer insgesamt mit mehr Respekt behandelt werden würden, würde sich das auch ändern. Ich habe das in anderen Ländern erlebt, zum Beispiel in den Niederlanden oder in Schweden. Dort haben Fahrer einen anderen Stellenwert. Das merkt man auch daran, wie sie auftreten. Da steht jemand in einer sauberen Jeans und einem weißen T-Shirt neben seinem Lkw und wirkt einfach professionell. Ich glaube, dass dieser Respekt vor dem Beruf einen Unterschied macht.
Was ist das größte Vorurteil über Lkw-Fahrer, das Sie nicht mehr hören können?
Wir sind grundsätzlich die Doofen, haben keine Ausbildung und können nichts anderes. Dabei ist es ein Beruf, der sehr viel mit Verantwortung und auch mit Können zu tun hat – viel mehr als beispielsweise so mancher Bürojob. Wer Fahrer ist, ist Fahrer aus Leidenschaft, der will einfach gerne fahren. Und so ist das auch bei mir. Ich weiß, dass ich damit keine Punkte sammle, wenn ich sage, dass ich Lkw-Fahrerin bin, sondern eher immer die Frage kommt: „Warum machst du das denn?“ Die Antwort ist ganz einfach: Ich mache das, weil das Fahren für mich eine Leidenschaft ist. Und ich glaube, den meisten anderen Fahrern und Fahrerinnen geht es genauso.
Wenn ein junges Mädchen Sie sieht und sagt: „So etwas möchte ich auch machen“ – was wäre Ihre ehrliche Antwort?
Tu es! Denn es gibt überhaupt keinen Grund, warum Frauen keine Lkw fahren sollten. Und sei mutig! Denn das Schönste ist, wenn man seine Angst verliert. Ich habe das Gefühl, dass viele Bereiche noch immer so männerdominiert sind – nicht, weil Frauen diese Berufe nicht genauso gut ausüben könnten, sondern weil sie sich seltener trauen, diesen ersten Schritt zu machen und einfach anzufangen.
1 IRU: Operators deeply concerned by worsening driver shortage: new IRU report, 28. September 2026.
2 IRU: Global Driver Shortage Report 2025, 28. September 2026.
3 IRU: Half of European truck operators can’t expand due to driver shortages, 28. September 2026.
Fotos: Anna Clarks