Überspringen
Futuristisches Fahrzeugkonzept mit nachhaltiger Ästhetik

Interview Mark Gutjahr

Warum Autos wieder Farbe bekennen

28.01.2026

Welche Farben sind im Trend? 2025 war grau international am stärksten nachgefragt, zuvor war schwarz vorne. Doch langsam kehren die Farben zurück. Mark Gutjahr, Head of Automotive Color Design bei BASF, erklärt, warum Farbigkeit und Design im Zeitalter der Elektromobilität an Bedeutung gewinnen.

Lesedauer: 4 Minuten

Mark Gutjahr
Mark Gutjahr, Head of Automotive Color Design bei BASF. Foto: BASF

Herr Gutjahr, wie war Ihr Werdegang?

Ich habe Design an der KISD in Köln studiert, in einem sehr breit angelegten Studiengang. Von Designgeschichte über Gender Design bis zu Grafik, Typografie und User Interface Design war vieles dabei. Parallel habe ich Möbel entworfen, Ausstellungen gestaltet und freiberuflich gearbeitet, auch international.

Schon währenddessen habe ich Projekte für BASF übernommen, zunächst für den Konzern in Ludwigshafen, später für den Bereich Coatings. Das wurde immer mehr, bis ich 2011 vollständig zu BASF gewechselt bin.

Welche Autofarben haben Sie geprägt?

In meiner Kindheit waren Autos deutlich bunter. In den 1980er-Jahren kam Silber auf und Ende der 1990er-Jahre kippte der Markt schließlich stark ins Unbunte. In den 2000er-Jahren war zeitweise fast jedes dritte Auto silbern. Heute dominieren weltweit Schwarz, Weiß und Grau, wobei Schwarz aktuell am stärksten wächst.

Gleichzeitig sehen wir, dass Farbe wieder eine Chance bekommt. Viele Hersteller öffnen sich erneut für bunte Töne, auch weil sie merken, dass Emotion und Differenzierung im Wettbewerb wieder wichtiger werden.


Was genau ist Ihre Aufgabe bei BASF?

Ich verantworte das globale Automotive-Designteam mit Standorten in Europa, Asien und Amerika. Wir arbeiten eng mit den Designabteilungen aller großen Automobilhersteller zusammen. Unsere Aufgabe ist es, Farbkonzepte zu entwickeln, Zukunftstrends zu erkennen und diese mit technologischer Machbarkeit in Einklang zu bringen.

Fahrzeugkarosserie in moderner Lichtprüfanlage
Foto: BASF

Das klingt nicht ganz einfach …

Wir nehmen eine klare Vermittlerrolle ein. Auf der einen Seite stehen die Designer der Automobilhersteller mit sehr präzisen Vorstellungen davon, wie eine Farbe wirken soll. Auf der anderen Seite stehen unsere Farblabore und Technologieabteilungen, die prüfen müssen, ob sich diese Vorstellungen auch unter Serienbedingungen umsetzen lassen. Wir übersetzen zwischen diesen Welten und sorgen dafür, dass aus einer Idee ein realisierbarer Farbton wird.

Hinzu kommt, dass in diesen Prozessen oft auch Marketing, Produktion und Qualitätsmanagement eingebunden sind. Jede Entscheidung hat Auswirkungen auf Kosten, Abläufe und Skalierbarkeit. Unsere Aufgabe ist es, diese Perspektiven früh zusammenzubringen und Konflikte aufzulösen, bevor sie in der Serie entstehen.

Wie läuft eine konkrete Farbentwicklung ab?

Am Anfang steht immer ein Briefing. Manchmal kommt der Impuls vom Kunden, manchmal von uns. Das kann eine Trendfarbe aus unserer jährlichen Trendkollektion sein oder der Wunsch nach einem völlig neuen Farbton für eine Modellreihe oder einen Fahrzeuglaunch.

Gemeinsam klären wir, wofür der Farbton gedacht ist: Soll er nur für ein einzelnes Modell eingesetzt werden oder sogar markenübergreifend? Ist er für ein Hochvolumenmodell vorgesehen oder für eine limitierte Serie? Wird er weltweit produziert oder nur in bestimmten Werken? Auch die Fahrzeugform spielt eine Rolle, denn Farbe wirkt auf einer kantigen Karosserie anders als auf einer sehr fließenden.


Wie geht es nach dieser inhaltlichen Klärung weiter?

Auf dieser Basis beginnt die eigentliche Entwicklungsarbeit. In unseren Styling-Laboren werden erste Muster erarbeitet und auflackiert, zunächst auf kleinen Blechen. Parallel arbeiten wir zunehmend digital. Farben lassen sich heute sehr präzise simulieren und auf virtuelle Fahrzeugmodelle übertragen, sodass Designentscheidungen früh getroffen werden können und alle Beteiligten eine gemeinsame visuelle Grundlage haben.

Industrielle Lackierung einer Automobilkarosserie
Foto: BASF

Im weiteren Prozess wird der Farbton Schritt für Schritt verfeinert. Es geht um die genaue Pigmentierung: Welche Effekte sind notwendig, um zum Beispiel eine bestimmte Tiefe oder Farbigkeit zu erreichen? Kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben. Gleichzeitig müssen technische Anforderungen erfüllt werden: Prozessstabilität in der Produktion, aber auch Themen wie Reparierbarkeit oder spezifische Umweltauflagen sind von großer Bedeutung.

Oft bewegen wir uns dabei an technologischen Grenzen. Manche Effekte sind gestalterisch wünschenswert, aber nur mit zusätzlichem Aufwand umsetzbar, etwa durch mehrere Lackschichten oder getönte Klarlacke. Diese Lösungen erhöhen jedoch die Komplexität in der Produktion. Genau hier ist unsere Vermittlerrolle entscheidend. Wir zeigen auf, was möglich ist, welche Alternativen es gibt und welche Konsequenzen bestimmte Entscheidungen haben.

Die finale Entscheidung liegt beim Kunden. Unsere Aufgabe ist es, Entscheidungsgrundlagen zu liefern und Lösungen zu entwickeln, die gestalterische Qualität und industrielle Machbarkeit miteinander verbinden. Der Erfolg zeigt sich dann, wenn ein Farbton weltweit stabil produziert werden kann und gleichzeitig seine gestalterische Wirkung behält.

Wie unterscheiden sich Farben zwischen den Marken, gerade bei Schwarz?

Reines Unischwarz gibt es kaum noch. Die meisten Schwarztöne enthalten Metallic- oder Perleffekte. Über Pigmente, Schichtung und Zusammensetzung lassen sich sehr unterschiedliche Wirkungen erzielen. Ein Schwarz kann kühl, warm, tief oder technisch wirken und so gezielt zur Markenidentität beitragen.

Übersicht moderner Automobillack-Farbvarianten
Foto: BASF

Wie erkennt man Trends, die viele Jahre bleiben?

Autofarben werden Jahre im Voraus entwickelt. Ein Farbton, dessen Entwicklung heute gestartet wird, kommt oft erst in drei oder vier Jahren auf die Straße und bleibt dann lange im Programm. Deshalb reicht es nicht, kurzfristige Moden zu bedienen.

Wir analysieren gesellschaftliche Entwicklungen, technologische Veränderungen und Nutzungsverhalten sehr genau: Welche Materialien wünschen sich Menschen? Welche Oberflächen empfinden sie als angenehm? Wie verändert sich Mobilität? Daraus entstehen Farbwelten, die nicht laut, sondern tragfähig sind und sich über viele Jahre bewähren müssen.

Der Erfolg unserer Arbeit liegt darin, diese langfristigen Trends früh zu erkennen und gemeinsam mit den Laboren technische Lösungen dafür zu entwickeln. Nur wenn Gestaltung und Technologie zusammen gedacht werden, entsteht ein Farbton, der dauerhaft funktioniert.

Welchen Einfluss hat Farbe auf den Markterfolg?

Farbe ist das Erste, was man sieht. Sie schafft Wiedererkennbarkeit und emotionale Bindung. Gerade in Märkten mit vielen neuen Marken, etwa in Asien, ist Farbe ein zentrales Mittel zur Positionierung.

In Europa hat der Flottenmarkt lange zu einer Verarmung der Farbpalette geführt. Doch auch hier sehen wir eine Gegenbewegung: Hersteller und Händler erkennen wieder, dass Autos emotional gekauft werden und Farbe ein entscheidender Teil dieser Emotion ist.


Verliert Design in der Elektromobilität an Relevanz?

Im Gegenteil. Da der Antrieb weniger komplex wird, rücken Gestaltung, Materialität und Nutzererlebnis stärker in den Fokus. Farben, Oberflächen und Interfaces werden zu zentralen Unterscheidungsmerkmalen. Gleiches gilt für Innenräume – wie wird der gewonnene Platz genutzt? Wie sehen Interfaces aus? Das alles ist Design.

Design ist heute eines der wichtigsten Werkzeuge, um Markenidentität zu schaffen und Funktionalität zu verfeinern. Design spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Michael Hopp

Text: Michael Hopp

Head of Content bei der Gateway-Redaktion und absoluter Pionier beim Erkennen von Automotive Trends

Das könnte Sie ebenfalls interessieren: