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Kfz-Service gut umgestellt: Von kaputten Stromern profitieren

01.07.2026

Die E-Mobilität ist im Werkstattalltag angekommen. Während die Zulassungszahlen kontinuierlich steigen, gestaltet der Aftersales-Markt den Übergang vom reinen Verbrennergeschäft hin zum gemischten Fuhrpark bereits aktiv mit.

Lesedauer: 5 Minuten

Es geht für B2B-Entscheider nicht mehr um die Frage, ob man sich auf die neue Technologie einstellen muss, sondern wie die Betriebe ihre Prozesse, Werkzeuge und Geschäftsmodelle im laufenden Betrieb optimieren.

Dass der Stromer dabei kein „Wartungskiller“ ist, sondern vielmehr eine Verschiebung der Wertschöpfung bedeutet, zeigt die Praxis. Werkstätten und Autohäuser müssen sich auf eine technische Diskrepanz und neue Serviceanforderungen einstellen. Wer die Stellhebel bei Effizienz, Diagnosekompetenz und vorausschauender Wartung ansetzt, sichert sich eine profitable Position im Markt.

Mechanik vs. Elektronik: Was bleibt, was kommt?

Auch bei Elektrofahrzeugen bleibt die Bremsanlage ein zentrales Wartungs- und Sicherheitsbauteil, dessen regelmäßige Prüfung und Instandhaltung weiterhin zum Kerngeschäft der Werkstätten gehört. Foto: Unaihuiziphotography

Der Service am E-Auto erfordert ein Umdenken, da sich die Anforderungen von der klassischen Mechanik hin zu Elektronik, Software und komplexen Kreisläufen verlagern. Dennoch bleibt das Fundament des Kfz-Handwerks bestehen, wie Kevin Schmitz, Leiter der Abteilung Werkstätten und Technik im Bundesinnungsverband Kfz-Handwerk, betont: „Selbst wenn klassische Wartungsarbeiten wie Ölwechsel oder Zündkerzenwechsel bei E-Fahrzeugen entfallen, bleiben viele Servicebereiche weiterhin bestehen und neue Aufgabenfelder kommen hinzu. Da auch Elektrofahrzeuge über Bremsen, Fahrwerke, Lenkungen und Klimasysteme verfügen, bleiben diese klassischen Werkstattarbeiten relevant.“

Gleichzeitig verweist Schmitz darauf, dass auch der Elektroantrieb keineswegs wartungsfrei ist: „Der Elektromotor zeigt auch, dass er nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Die Anzahl der Ausfälle, in denen eine Reparatur des Elektromotors nötig wird, nimmt zu.“ Zudem entstehen neue Geschäftsfelder durch die regelmäßige Wartung und Prüfung der Traktionsbatterie.

Das Thermomanagement als unterschätztes Herzstück

Die exakte Temperierung von Batterie, Leistungselektronik und Innenraum ist hochkomplex. Wartungsfehler gefährden direkt die Langlebigkeit des teuersten Bauteils im Fahrzeug. Nach Einschätzung von Kevin Schmitz wird dieser Bereich aktuell noch unterschätzt: „Dabei ist es bereits jetzt so, dass viele Hersteller den Wechsel der Kühlflüssigkeit bzw. das Überprüfen der Dichtigkeit des Batteriekühlsystems im Rahmen der Wartung vorschreiben.“

Für Mechaniker bringt dies neue Herausforderungen, da die Klimaanlage heute direkt mit der Batteriekühlung gekoppelt ist. Komplexe Wärmepumpensysteme erfordern spezielles Diagnosewissen. Werkstätten müssen in Spülgeräte und Lecksuchsysteme investieren, um Fehlerquellen in den Kühlkreisläufen zielsicher zu identifizieren.

Der Verschleiß-Faktor: Fahrwerk-Stress und das Bremsen-Paradoxon

Das hohe Batteriegewicht und das sofort verfügbare Drehmoment von E-Fahrzeugen führen zu einem erhöhten Verschleiß an Reifen und Fahrwerkskomponenten. Foto: stockphotodirectors

Während einige Systeme komplexer werden, erleben mechanische Komponenten am E-Auto ein Kontrastprogramm, das die Werkstatt-Auslastung sichert:

  • Dauerstress für Fahrwerk und Reifen: Das hohe Batteriegewicht und das sofort verfügbare Drehmoment belasten Reifen, Lenkung und Achsaufhängung massiv. Der Verschleiß steigt spürbar. Achsvermessungen und der Austausch von Fahrwerkskomponenten gehören vermehrt zum Standard.
  • Das Bremsen-Paradoxon: Durch die Rekuperation werden die mechanischen Bremsen im Alltag oft zu wenig genutzt. Die Folge ist ein geringerer Belagverschleiß, aber ein drastisch erhöhtes Risiko für Korrosion und festsitzende Bauteile.

Für Werkstätten bedeutet das Bremsen-Paradoxon einen Wechsel der Service-Strategie. Eine reine Sichtprüfung reicht laut Schmitz häufig nicht mehr aus: „Sinnvoll sind regelmäßige Wartungen der Bremsanlage mit Reinigung und Schmierung der Führungen sowie die Empfehlung an Kunden, die Bremsen bewusst gelegentlich stärker mechanisch zu nutzen, um Korrosion vorzubeugen.“

Betriebsorganisation: Vom Mechaniker zum Technologie-Consultant

Um im Aftersales-Markt erfolgreich zu bleiben, passen Betriebe ihre Strukturen sukzessiv an. Die Wertschöpfung verschiebt sich von der reinen Verschleißreparatur hin zu präventiver Wartung und datenbasierten Dienstleistungen.

  • Digitale Diagnostik und Software: Spezialisierte Diagnosearbeiten, Softwareanpassungen und Batterie-Zustandsberichte (State-of-Health-Analysen) eröffnen neue, datenbasierte Service-Umsätze – ein entscheidender Faktor auch für das Gebrauchtwagengeschäft und das Flottenmanagement.
  • Beratung als Geschäftsmodell: Der Erklärungsbedarf auf Kundenseite ist hoch. Werkstätten übernehmen zunehmend die Rolle eines technischen Beraters, der Kunden aktiv über e-fahrzeugspezifische Verschleißthemen informiert und so hilft, teure Folgeschäden zu vermeiden. Serviceberater werden zu Technologie-Consultants.

„Wir haben uns längst auf die E-Mobilität eingestellt und damit unsere Hausaufgaben in der E-Mobilität erfüllt. (…) Wir haben über 10.000 ausgebildete Fachkräfte für E-Fahrzeuge in Deutschland.“

Kevin Schmitz

Qualifikation und Ausbildung: Ein verlässliches Fundament

Fundierte Qualifikation und langjährige Ausbildungserfahrung bilden die Basis für den erfolgreichen Umgang mit den Anforderungen moderner Fahrzeugtechnologien. Foto: SimonSkafar

Ein entscheidender Baustein für den Praxiserfolg ist die Mitarbeiterqualifikation. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung steht das Kfz-Handwerk hier nicht am Anfang, sondern blickt auf jahrelange Vorarbeit zurück.

Bereits seit 2013 sind Hochvolt- und E-Mobilitätsinhalte ein fester Bestandteil der Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Dadurch werden schon in der Erstausbildung frühzeitig die grundlegenden Kompetenzen für den Umgang mit Elektrofahrzeugen vermittelt. Die nachrückende Generation an Fachkräften wächst ganz natürlich mit der Hochvolttechnologie auf.

Dennoch dürfen sich Werkstätten auf diesem Fundament nicht ausruhen. Die technologische Entwicklung bei Batteriechemie, Sensorik und Over-the-Air-Updates schreitet rasant voran. Diese Basiskenntnisse allein reichen nicht aus, um im Aftersales-Geschäft wettbewerbsfähig zu bleiben. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen sowie der gezielte Aufbau von digitaler Diagnosekompetenz sind heute zwingende Mindestanforderungen. Nur Werkstätten, die diesen kontinuierlichen Qualifizierungsprozess konsequent umsetzen, können im technologischen Wandel bestehen. Kevin Schmitz findet hierfür deutliche Worte der Anerkennung für die erbrachte Leistung der Branche: „In Summe kann ich sagen: Wir haben genug geschulte Fachkräfte im Kfz-Handwerk. Wir haben uns längst auf die E-Mobilität eingestellt und damit unsere Hausaufgaben in der E-Mobilität erfüllt. Wir sind bereit, um E-Autos zu warten und zu reparieren. Ja, wir haben über 10.000 ausgebildete Fachkräfte für E-Fahrzeuge in Deutschland. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir können, wir machen, wir machen es ja schon.“

Die Marktrealität: Zwischen Versprechen und Werkstattalltag

Während das Kfz-Handwerk seine Voraussetzungen personell erfolgreich geschaffen hat, hinkt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung den ursprünglichen Prognosen hinterher. Die Betriebe haben erheblich investiert, um für den Ansturm gerüstet zu sein. Doch die politische Dynamik und die reale Marktdurchdringung klaffen auseinander. Ein volatiles Förderumfeld und Verunsicherung bremsten den Hochlauf der Zulassungszahlen.

Diese Diskrepanz belastet die Planbarkeit für B2B-Entscheider. Die Werkstätten haben geliefert, doch das Volumen im Markt bleibt hinter den Erwartungen zurück. Kevin Schmitz spricht diese Fehlentwicklung offen an: „Nur die Masse, die uns versprochen wurde, auch aus der Politik heraus, ist leider nicht gekommen. Sie wird kommen, da bin ich mir sicher. Die E-Mobilität wird kommen.“

Trotz der aktuellen Verzögerungen dürfen KFZ-Betriebe nicht in ihrer Innovationsbereitschaft nachlassen. Der Trend zur Elektrifizierung ist unumkehrbar. Für Werkstätten bedeutet dies, dass sie flexibel agieren müssen: Das rentable Verbrennergeschäft muss weiterhin professionell bewirtschaftet werden, während gleichzeitig die Prozesse für Elektrofahrzeuge perfektioniert werden. Der Schlüssel liegt in einer hybriden Werkstattorganisation, die beide Welten ohne Reibungsverluste bedient.

Fazit für B2B-Entscheider: Fokus auf reale Bedürfnisse

Erfolgreiche Kfz-Werkstätten verbinden moderne E-Mobilitätskompetenz mit kundenorientierten sowie bezahlbaren Service- und Reparaturlösungen. Foto: blackCAT

Der KFZ-Service wird durch die E-Mobilität nicht verdrängt, sondern professionalisiert sich auf einem neuen technologischen Niveau. Die optimale Service-Strategie besteht aus einer Kombination aus klassischem Handwerk, präventiver Wartung und digitaler Diagnose. Werkstätten, die ihre Organisation darauf ausrichten, sichern sich stabile Marktanteile und eine hohe Kundenbindung.

Für den wirtschaftlichen Erfolg muss der Übergang praxisnah sein. Es gilt, Kunden Berührungsängste zu nehmen und bezahlbare Reparaturlösungen abseits ideologischer Debatten anzubieten. Mobilität muss für die breite Masse kalkulierbar bleiben. Zum Abschluss betont Kevin Schmitz daher die Notwendigkeit einer ausgewogenen Perspektive für die Zukunft des Sektors: „Ich bin ein Verfechter davon, nur ich sage immer auf Augenhöhe: Immer eine Mobilität, die nicht zweckgebunden eingesetzt wird, sondern eine Mobilität, die sich ideologiefrei an den realen Bedürfnissen der Menschen orientiert, Wahlfreiheit bietet und für jeden Autofahrer bezahlbar sowie alltagstauglich bleibt.“

Anja Steinbuch

Anja Steinbuch

Autorin in der „Gateway to Automotive“-Redaktion

Anja Steinbuch beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Mobilität im Alltag verändert. Ihr Ziel: Technologische Entwicklungen aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer verständlich und greifbar zu machen.

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