Der TÜV-Report 2026 zeigt, wie stark der Pkw-Bestand in Deutschland altert. Für Kfz-Werkstätten heißt das: mehr Arbeit, mehr Beratung, mehr Kostendruck, aber auch neue Chancen.
Der TÜV-Report 2026 zeigt: Deutschlands Pkw-Bestand wird älter und mehr als jedes fünfte Auto fällt bei der Hauptuntersuchung mit erheblichen oder gefährlichen Mängeln durch. Foto: TÜV Nord
In Deutschland ist die Hauptuntersuchung zur Feststellung der Fahrtüchtigkeit von Kraftfahrzeugen Pflicht: drei Jahre nach Erstzulassung, danach in der Regel alle zwei Jahre. Umgangssprachlich heißt sie bis heute meist „TÜV“ (Technischer Überwachungsverein). Am Ende steht ein einfaches Zeichen: Plakette oder keine Plakette. Für Autofahrer wird daraus oft eine Rechnung, für Werkstätten ein Gespräch: Was muss sofort gemacht werden, was kann warten?
Der TÜV-Report 2026 schlägt Alarm: 21,5 Prozent der geprüften Pkw fallen mit erheblichen oder gefährlichen Mängeln durch, 12,3 Prozent haben geringe Mängel, nur 66,1 Prozent bleiben mängelfrei. Der Bestand ist im Schnitt 10,6 Jahre alt; rund 13,5 Millionen Pkw sind 15 Jahre oder älter. In dieser Altersklasse fällt nahezu jedes dritte Auto durch.
Für GATEWAY ordnen zwei Stimmen den TÜV-Befund ein: Martin Endlein, DAT-Experte für Fahrzeugmarkt und Werkstattkosten, und Detlef Peter Grün, ZDK-Vizepräsident, Bundesinnungsmeister und freier Werkstattunternehmer. Beide sehen kein einfaches Konjunkturprogramm für Werkstätten, sondern eine Lage, in der Technik, Geld und Vertrauen eng zusammenhängen.
Für Martin Endlein ist der TÜV-Befund keine Überraschung: „Dass der TÜV Alarm schlägt, ist ja nichts Neues. Wir befinden uns in einer Phase, in der viele Menschen ihre Reparaturen aufschieben.“ Endleins Lesart: Der alte Fuhrpark ist auch Ergebnis besserer Technik und einer Kaufzurückhaltung, die durch hohe Neuwagenpreise und Antriebsunsicherheit verstärkt wird. „Der heutige Fuhrpark stammt aus einer Zeit, in der sehr viel Wert auf Qualität gelegt wurde“, sagt Endlein. „Die Autos sind wesentlich robuster und langlebiger geworden.“ Doch ewiges Leben hätten Bremsen oder Stoßdämpfer nicht: „Wenn man eine Bremsanlage rundum überarbeiten muss, ist man leicht mal einen Tausender los.“
„Dass der TÜV Alarm schlägt, ist nichts Neues. Wir befinden uns in einer Phase, in der viele Menschen ihre Reparaturen aufschieben.“
Alter Fuhrpark, preissensible Halter
Steigende Kosten und teure Neuwagen führen dazu, dass viele Autofahrer ihre Fahrzeuge länger nutzen und Reparaturen häufiger aufschieben. Foto: bluecinema
Und hier beginnt das Werkstattthema. Ältere Autos gehören häufiger Menschen, die weniger Geld für Mobilität übrig haben. Wartungen kosteten 2025 im Schnitt 542 Euro, Reparaturen 604 Euro. Knapp 60 Prozent der Pkw-Halter ändern wegen gestiegener Kosten ihr Verhalten. „Mehr Menschen, die ältere Autos besitzen, fahren mit unreparierten Schäden herum“, sagt Endlein. „Und mehr Menschen mit älteren Autos schieben ihre Reparaturen grundsätzlich auf. Es geht um spürbar weniger Geld, das für solche Dinge zur Verfügung steht.“
Grün formuliert es aus der Werkstattperspektive noch grundsätzlicher. Für ihn ist der TÜV-Alarm auch ein Symptom dafür, dass individuelle Mobilität in Deutschland teurer geworden ist. „Die Aussage, dass Fahrzeuge älter werden, ist 100 Prozent richtig“, sagt Grün. „Aber wir müssen uns deutlich machen: Wer aus der breiten Masse kann sich überhaupt ein neues Kraftfahrzeug leisten? Die Fahrzeuge sind extrem teuer geworden. Der Deutsche spart, und das setzt sich auch beim Neukauf durch.“
Für Werkstätten klingt das nach Konjunktur: Wer nicht neu kauft, muss reparieren. Grün bestätigt, dass der Trend ankommt. Aber alte Autos bringen nicht automatisch einfache Erträge. Oft geht es um Kunden, die Mobilität brauchen, aber jede Reparatur genau abwägen. „Auch jüngere Menschen fahren ihre Fahrzeuge mittlerweile länger und nehmen größere Reparaturen in Kauf“, sagt Grün. „Dann sprechen wir von 1.500 oder 2.000 Euro, nur für eine Kupplung. Wenn man nachfragt, warum, kommt der Satz: Ein Neues kann ich mir nicht erlauben.“
Mehr Arbeit, aber nicht jede Arbeit kommt an
Manche Halter von älteren Autos setzen auf den TÜV statt auf regelmäßige Wartung. Dabei zeigen gerade Fahrzeuge über zehn Jahre besonders häufig sicherheitsrelevante Mängel. Foto: miniseries
Endlein beschreibt ein Paradoxon. Die Werkstattauslastung ist hoch, der Bestand wächst, Autos werden wieder mehr bewegt. Gleichzeitig werden Wartungen und Reparaturen seltener beauftragt. Bei Haltern von Autos über zehn Jahren lag der Anteil der Verschleißreparaturen 2025 bei einem Drittel; 2019 waren es noch 41 Prozent.
„Es nivelliert sich ein bisschen“, sagt Endlein. „Einerseits mehr Autos auf weniger Betriebe, andererseits Zurückhaltung aus Kostengründen. Manche Menschen verzichten komplett auf Wartung und sagen: Mein Auto muss doch eh zum TÜV.“
Auch die kritischen Zahlen verweisen auf alte Fahrzeuge: Rund 135.000 Pkw hatten gefährliche Mängel, etwa 12.000 waren verkehrsunsicher. Rund 90 Prozent dieser Fahrzeuge sind zehn Jahre oder älter. Zugleich mahnt Grün: Nicht jedes alte Auto ist verkehrsunsicher. „Ältere Autos haben mehr Mängel, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten“, sagt er, „aber der Bereich Verkehrsunsicherheit ist nicht der Bereich, der stark steigt. Ich merke auch, dass Kunden ihre älteren Autos besser pflegen, damit sie älter werden.“
Freie Betriebe im Vorteil?
Für markengebundene und freie Werkstätten ist der alternde Fuhrpark ein Wettbewerbsthema. Je älter ein Fahrzeug wird, desto stärker suchen Halter nach Alternativen zum Vertragsservice. „Die freien Werkstätten haben Zulauf von Haltern älterer Fahrzeuge“, sagt Endlein. „Das kippt oft ab dem dritten, vierten Jahr. Die freien Werkstätten haben sich sehr stark professionalisiert. Wenn die Menschen einmal eine Werkstatt gefunden haben, bleiben sie da. Wir haben eine Werkstatttreue von etwa 90 Prozent.“
Grün sieht die Qualität beider Systeme heute weitgehend auf Augenhöhe. Der Unterschied liege eher in Kostenstruktur, Kommunikation und Flexibilität.
„Bei Inspektion und Reparatur sehe ich freie und markengebundene Werkstätten mittlerweile auf Augenhöhe“, sagt Grün. „Faktum sind natürlich die unterschiedlichen Stundenverrechnungssätze. Da achtet der sensibilisierte Kunde sehr stark drauf.“
Die Werkstatt als Übersetzer
Je älter das Auto, desto stärker wird Reparatur zur Priorisierung. Die Werkstatt muss nicht nur schrauben, sondern erklären, sortieren und Kosten nachvollziehbar machen.
„Wir haben bei 42 Prozent der Pkw-Halter die Aussage: Ich zweifle, ob alle empfohlenen oder durchgeführten Arbeiten wirklich notwendig sind“, sagt Endlein. „Und über 50 Prozent sagen: Ich bin zunehmend unzufrieden mit der Entwicklung der Werkstattkosten. Da ist nicht alles rosig.“
„In der Werkstatt treffen Amateure auf Profis“, sagt Endlein. „Da muss jemand erklären, warum der Kunde 800 Euro gezahlt hat und das Auto danach genauso aussieht wie vorher. Kommunikationskompetenz wird immer wichtiger.“ Grün beschreibt denselben Wandel aus seinem Betrieb. Früher reichte oft die Schlüsselübergabe, heute erwarten Kunden konkrete Reparaturlogik. „Der Beratungsaufwand steigt auf jeden Fall“, sagt Grün. „Der Kunde will wissen: Was passiert mit meinem Auto, was kostet die Reparatur, muss es jetzt sein oder kann es noch ein halbes Jahr warten?“
Grün gibt ein Beispiel: „Bremse vorne runter kostet X. Sie können noch 3.000 bis 5.000 Kilometer fahren. Im Herbst machen wir sowieso die Winterreifen drauf, dann verbinden wir das.”
„Der Betrieb, der nicht individuell auf seinen Kunden eingeht, wird auf Dauer nicht am Ball bleiben [...]. Man muss den Kunden beraten. Diese Individualität ist heute gefragt.“
Der Alarm ist auch eine Chance
Der alternde Fahrzeugbestand sichert Werkstätten Arbeit, verlangt aber mehr Beratung: Reparaturen werden zunehmend zur individuellen Kosten- und Vertrauensfrage. Foto: TÜV Rheinland, Oliver Tjarden
Der Wandel der Antriebe wird das Werkstattgeschäft zusätzlich verändern. Aber der Kern bleibt: Bedarf ist da, doch Kunden kommen nicht automatisch mit offenen Geldbeuteln.
Endlein sieht die Zukunft positiv: „Handwerk hat goldenen Boden. Wir haben in Deutschland fast 50 Millionen zugelassene Pkw, da gibt es für Werkstätten genügend zu tun. Man kann gelassen in die Zukunft sehen, auch wenn es anders sein wird.“
Grün zieht die Grenze dort, wo Betriebe den Kunden nicht mehr erreichen. Der alte Fuhrpark ist kein reines Mengenthema, sondern ein Beziehungsthema.
„Der Betrieb, der nicht individuell auf seinen Kunden eingeht, wird auf Dauer nicht am Ball bleiben“, sagt Grün. „Schlüssel abgeben und die Welt ist in Ordnung – das ist vorbei. Man muss den Kunden beraten. Diese Individualität ist heute gefragt.“
So wird aus dem TÜV-Alarm ein nüchterner Befund für den deutschen Aftermarket: Deutschlands Autos werden älter, länger genutzt, teurer instand gehalten und stärker erklärt. Reparatur wird Beratung, und die Plakette wird zur Preisfrage.
Text: Michael Hopp
Head of Content bei der Gateway-Redaktion und absoluter Pionier beim Erkennen von Automotive Trends