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Vorreiter Finnland: Mobilität ohne Emissionen

17.06.2026

Von Ladetechnologie und industrieller Forschung bis hin zur Nachrüstbarkeit und intelligenter Regulierung hat Finnland still und leise eines der am besten integrierten Ökosysteme für Elektromobilität in Europa aufgebaut. Unsere finnische Korrespondentin Valentina Ahlavuo führte Gespräche mit Vertretern von Lahti GEM / LADEC, Kempower und der LUT University / EMRC.

Lesedauer: 4 Minuten

Während Regierungen weltweit den Übergang zu emissionsfreiem Verkehr beschleunigen, bleibt eine gemeinsame Herausforderung bestehen: Wie lassen sich Forschung, Industrie, Investitionen, Bildung und Regulierung zu einem kohärenten Ökosystem verbinden, anstatt zu einer Ansammlung isolierter Projekte?

Finnland bietet eine überzeugende Antwort

Während das Land international vor allem für das Ladetechnologieunternehmen Kempower und seine starke Ingenieursbasis bekannt ist, geht die eigentliche Geschichte über einzelne Akteure hinaus. In den letzten Jahren hat Finnland eines der am besten integrierten Frameworks für Elektromobilität in Europa aufgebaut – es verbindet Branchenverbände, Forschungseinrichtungen, Universitäten, Behörden, Recyclingunternehmen, Investoren und Aftermarket-Organisationen zu einer gemeinsamen Struktur, die darauf ausgelegt ist, den gesamten Übergang zu unterstützen, nicht nur Teile davon.

Drei Säulen, ein Ökosystem

Der finnische Ansatz basiert auf der Zusammenarbeit zwischen drei sich ergänzenden Organisationen. Der finnische Verband für Elektromobilität (Sähköinen liikenne ry) fungiert als nationaler Branchenverband, der Unternehmen, Behörden, Forscher und politische Entscheidungsträger zusammenbringt, um die Elektrifizierung des Verkehrs voranzutreiben und der Branche eine einheitliche Stimme zu verleihen.

Das Electric Mobility Research Center (EMRC), das gemeinsam von der LUT-Universität in Lahti und Kempower gegründet wurde, bildet das Forschungsrückgrat. Rund fünfzig Forscher arbeiten an Projekten, die Ladetechnologien, die Elektrifizierung von Schwerlastfahrzeugen, Energieinfrastruktur und zukünftige Mobilitätssysteme umfassen.

Auf regionaler Ebene verbindet der Lahti GEM-Cluster Unternehmen, Universitäten, Kommunen, Investoren und internationale Partner. Koordiniert von der regionalen Entwicklungsagentur LADEC, besteht seine Hauptaufgabe in der Förderung – dem Abbau von Wachstumsbarrieren, der Beschleunigung von Innovationen und dem Angebot einer zentralen Anlaufstelle für internationale Marktteilnehmer, um Zugang zu einem breiteren Netzwerk finnischer Fachkompetenz zu erhalten.

Vom industriellen Umbruch zur Führungsrolle in der Mobilität

Die Entstehung des Lahti GEM-Clusters spiegelt ein umfassenderes Muster des wirtschaftlichen Wandels wider. Im Jahr 2021 erhielt die Stadt Lahti für ihr langfristiges Engagement für Nachhaltigkeit die Auszeichnung „Europäische Umwelthauptstadt“. Fast zeitgleich führte die Schließung der Busfertigung von Scania zum Verlust von mehr als 200 Arbeitsplätzen in der Industrie. Regionale Akteure identifizierten die Elektromobilität als den vielversprechendsten Wachstumssektor, um diese Lücke zu schließen.

Der Zeitpunkt erwies sich als entscheidend. Als die Anlagen von Scania geräumt wurden, expandierte Kempower rasch und bezog dieselben Räumlichkeiten. Diese Konvergenz trug dazu bei, einen neuen, auf Mobilität ausgerichteten Cluster rund um Elektrifizierung, Logistik, Ladeinfrastruktur und nachhaltigen Verkehr zu etablieren.

Über Autos hinaus

Aktuelle Aktivitäten des Ökosystems befassen sich mit schwerem Elektroverkehr, Logistikkorridoren, Batterietechnologien, Lösungen für die Kreislaufwirtschaft, Energiesystemen und datengesteuerten Mobilitätsdiensten. Batteriereparatur, Second-Life-Anwendungen und Recycling am Ende der Lebensdauer werden zunehmend als ebenso strategisch wichtig angesehen wie die Fahrzeugherstellung selbst.

Regulierung als nächste Herausforderung

In ganz Europa bereiten politische Entscheidungsträger neue Rahmenbedingungen vor, die sich auf Batterien für Elektrofahrzeuge, Reparierbarkeit, Recycling, Sicherheitsanforderungen und Datenzugang beziehen. Die technologische Entwicklung überholt derzeit die Gesetzgebung – was das Risiko birgt, dass künftige Vorschriften unbeabsichtigte Folgen für den Aftermarket haben.

Finnische Interessengruppen haben darauf reagiert, indem sie frühzeitig alle relevanten Parteien an einen Tisch gebracht haben. Ein kürzlich gemeinsam von AAPT und Lahti GEM organisierter hochrangiger Workshop brachte Vertreter der Industrie, Regierungsbeamte, Forscher und Recyclingunternehmen zusammen. Zu den Teilnehmern gehörten Experten von Kempower, EMRC, der LUT-Universität, dem finnischen Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung, Stena Recycling und Sähköinen liikenne ry. Das Ziel bestand nicht darin, sektorale Interessen zu verteidigen, sondern einen gemeinsamen Rahmen zu entwickeln, bevor sich die Positionen verhärten.

Ein Modell, das Schule machen könnte 

Die Erfahrungen Finnlands zeigen, dass der Übergang zu emissionsfreier Mobilität ebenso sehr eine organisatorische wie eine technologische Herausforderung ist. Da Länder weltweit versuchen, die Elektrifizierung des Verkehrs zu beschleunigen, ist Finnlands am besten übertragbares Exportgut möglicherweise keine bestimmte Technologie. Es könnte ein Kooperationsmodell sein, das es ermöglicht, dass Innovation, Geschäftsentwicklung, Investitionen und Gesetzgebung gemeinsam voranschreiten.

Kempower: Die nächste Phase der EV-Infrastruktur

Da die Elektromobilität über den Pkw-Bereich hinausgeht, positioniert sich das in Lahti ansässige Unternehmen Kempower im Zentrum der nächsten Infrastrukturherausforderung Europas. 

Die Elektrifizierung von Pkw dominiert die Schlagzeilen, doch der bedeutendere kurzfristige Wandel könnte sich im Schwerlastverkehr vollziehen. Mikko Veikkolainen, Chief Innovation Officer bei Kempower, sieht den Logistik- und Schwerlastsektor an einem Wendepunkt. Die Investitionspläne wichtiger europäischer Betreiber sind bereits weit fortgeschritten, und er erwartet, dass innerhalb der nächsten zwölf Monate eine beträchtliche Welle neuer elektrischer Schwerlastmodelle auf die europäischen Straßen kommen wird.

Für Kempower ist dies vertrautes Terrain. Der Fokus des Unternehmens lag schon immer auf der Hochleistungs-Gleichstrom-Schnellladung und nicht auf der langsameren Wechselstromladung, wie sie für Personenkraftwagen typisch ist. Der Schwerlastverkehr hat andere Anforderungen – höhere Leistung, schnellere Durchlaufzeiten, anspruchsvolle Einsatzzyklen – und genau darin liegt die Expertise von Kempower.

Die Ladeinfrastruktur wird intelligenter

Die vielleicht bedeutendere Entwicklung ist, was von der Ladeinfrastruktur heute über die reine Stromversorgung hinaus erwartet wird. Ladegeräte der ersten Generation waren passiv – Strom rein, Strom raus. Die nächste Generation integriert lokale Energiespeicher in die Netzversorgung und nutzt KI, um die täglichen Lade- und Entladezyklen zu optimieren. Die Systeme lernen Nutzungsmuster, laden die Speicher in Nebenzeiten auf und geben diese Energie ab, wenn der Bedarf vor Ort seinen Höhepunkt erreicht. Für Standorte mit hoher Auslastung wie Logistikzentren, Häfen und Industriegelände wird diese Fähigkeit wirtschaftlich genauso wichtig wie die reine Ladegeschwindigkeit.

Die Auswirkungen gehen über die betriebliche Effizienz hinaus. Da die Elektroflotten wachsen und der Druck auf das Stromnetz in ganz Europa zunimmt, wird die intelligente Ladeinfrastruktur Teil des Energiemanagements – und ist nicht mehr nur eine Serviceannehmlichkeit.

In Lahti hergestellt, weltweit im Einsatz

Kempower fertigt alle seine Ladeprodukte in Lahti, Finnland, und beliefert Märkte in ganz Europa, Nordamerika und darüber hinaus. Das Unternehmen wurde 2017 als Spin-off des Schweißtechnikkonzerns Kemppi gegründet und hat sich rasch zu einem der größten Arbeitgeber in der Region Lahti und zu einem anerkannten Namen in der europäischen Ladeinfrastruktur entwickelt – und das in genau den Räumlichkeiten, in denen einst die Busfertigung von Scania untergebracht war.

Valentina Ahlavuo

Valentina Ahlavuo

Herausgeberin von RVK Uutiset, EV FINLAND, und automediat.com

Berichtet für Gateway über Nachrichten und Veranstaltungen in Nordeuropa, mit Schwerpunkt auf dem unabhängigen Ersatzteilmarkt, Elektrofahrzeugen, Werkstätten und dem Reifenhandel in Skandinavien. Gut vernetzt in der nordischen Automobilszene und begeisterte Networkerin.

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