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„Die Transformation bietet Chancen für Frauen!”

18.06.2026

Kritische und ermunternde Worte im GATEWAY-Interview mit Sabine Scheunert, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Dassault Systèmes für die Region EUROCENTRAL.

Lesedauer: 6 Minuten

Sabine Scheunert

Die deutsche Automobilindustrie steckt mitten in der Transformation. Worauf kommt es jetzt wirklich an?

Die deutsche Automobilindustrie steht vor ihrer größten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten und verliert gerade ihr wichtigstes Asset: Zeit. Während deutsche OEMs, also Originalausrüstungshersteller, noch über Plattformstrategien diskutieren, entwickeln chinesische Wettbewerber in wenigen Monaten marktreife Software-Defined Vehicles. Wer jetzt nicht radikal auf durchgängige virtuelle Entwicklung setzt, wird in drei Jahren Marktanteile verlieren, die nicht zurückkommen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell Hersteller ihre Produktion modernisieren. Und das erfordert eine harte Entscheidung: Entweder die vollständige Verzahnung von Produkt- und Softwareentwicklung auf einer Plattform oder der Rückzug auf Nischenmärkte.

„Virtuelle Zwillinge machen das Auto zum lebenden Produkt. Entwicklung endet nicht mehr beim Start der Produktion.“

Foto: Gorodenkoff

Dassault Systèmes ist führender Anbieter von Virtual-Twin-Technologien. Welche Vorteile bringen 3D-Modelle für die Automobilindustrie?

Virtuelle Zwillinge verändern die gesamte Wertschöpfung. Entwicklung, Produktion und Betrieb lassen sich vollständig virtuell abbilden, bevor ein physisches Fahrzeug entsteht. Das spart Zeit und Kosten: Entwicklungszeiten verkürzen sich um 20 bis 30 Prozent, physische Prototypen um bis zu 50 Prozent, Fehler werden früher erkannt. Aber der eigentliche Paradigmenwechsel liegt woanders: Virtuelle Zwillinge machen das Auto zum lebenden Produkt. Entwicklung endet nicht mehr beim Start der Produktion. Das verändert Geschäftsmodelle grundlegend: Von “Fahrzeug verkaufen” zu “Mobilität orchestrieren”. Wer das verschläft, verkauft bald Blech statt Erlebnisse, die Kunden begeistern. Einige der großen Automobilhersteller setzen das bereits konsequent um: Bei der BMW Group arbeiten künftig rund 17.000 Mitarbeitende auf der 3DEXPERIENCE-Plattform, und auch die Volkswagen Group nutzt die Technologie zur Beschleunigung von Entwicklungs- und Fertigungszyklen.

Als Mitbegründerin des Female CIO Circle und Mitglied des Frauennetzwerkes Generation CEO gelten Sie als Förderin von weiblichen Führungskräften. Was kann und sollte hier konkret passieren?

Förderung muss strukturell verankert sein; mit klaren Zielen, transparenten Prozessen und messbaren Ergebnissen. Es geht nicht um Stereotype, sondern um wirksame Führung. In einer Branche, die von linearen Hierarchien zu agilen Netzwerkorganisationen wechseln muss, ist das kein Soft Skill, sondern eine harte Währung. Bei Dassault Systèmes bereiten Programme wie Rise Up! Talente früh auf Führungsaufgaben vor. Unterstützt wird dies durch das WIN-Netzwerk, das einen Fokus auf Frauen in technischen und strategischen Rollen hat – und das ist auch ein Wettbewerbsvorteil. Recruiting- und ein strukturierter Nachfolgeprozess berücksichtigen Diversität systematisch und Fortschritte werden messbar geprüft, etwa über den Frauen-Karriere-Index, in dem Dassault Systèmes zu den Top 10 der frauenfreundlichsten Unternehmen zählt.

„Die Frage ist nicht, ob wir uns Diversität leisten können, sondern ob wir uns ihre Abwesenheit leisten können.“

Sabine Scheunert

Eine aktuelle europaweite Studie zeigt, dass in Deutschland deutlich weniger Frauen in Führungspositionen sind als in anderen Ländern. Warum ist das so – und unterscheidet sich das je nach Branche?

Deutschland hat ein strukturelles Problem, kein Kompetenzproblem. In industriellen, traditionell männlich dominierten Branchen wie der Automobilbranche oder im Maschinenbau sind Frauen in Führungspositionen deutlich seltener vertreten. Pipeline-Effekte, lückenhafte Kinderbetreuung und die Erwartung linearer Biografien bremsen Karrieren systematisch. Die Branchenunterschiede sind dramatisch: Im Servicesektor, Gesundheitswesen oder öffentlichen Bereich sind Frauen deutlich stärker vertreten, in IT und Engineering bleibt der Anteil erschreckend niedrig. Dabei handelt es sich ausgerechnet um die Zukunftsbranchen, die über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden. International zeigen Länder wie Frankreich, Spanien und die nordischen Staaten, dass verbindliche Ziele und Förderprogramme Veränderung beschleunigen. Deutschland diskutiert seit Jahrzehnten, wo andere Länder schon längst handeln. Das kostet uns nicht nur Talente, sondern Innovationskraft.

Sabine Scheunert hält einen Vortrag auf einer Bühne
Sabine Scheunert, Vorsitzende der Geschäftsleitung Dassault Systèmes für die Region EUROCENTRAL, als Speakerin beim MMK 2026 an der TU München. Foto: MMK

Wären gleiche Chancen für Frauen aus Ihrer Sicht ein förderliches Element des allgemeinen Transformationsprozesses. Wenn ja, warum?

Diversität in Führungspositionen ist kein Nice-to-have, sondern ein klarer Wettbewerbsfaktor und in der Transformation überlebenswichtig. Teams mit unterschiedlichen Perspektiven treffen bessere Entscheidungen, erkennen Risiken früher und sind innovativer. Das ist keine Meinung, das belegen die Daten. Besonders in komplexen Bereichen wie Software-Defined Vehicles, Künstlicher Intelligenz oder digitalen Plattformen. Homogene Teams neigen zu blinden Flecken. Vielfältige Teams erhöhen Problemlösungskompetenz und Umsetzungsstärke signifikant. Wer nur einen Teil des Potenzials nutzt, schwächt sich selbst im Transformationsprozess. Die Frage ist nicht, ob wir uns Diversität leisten können, sondern ob wir uns ihre Abwesenheit leisten können. Und die Antwort ist: Nein.

Bieten Transformation und Digitalisierung auch konkrete Chancen für Frauen?

Definitiv. Transformation bricht alte Muster auf. Rollen wie Product Owner, Data Scientist oder Systems Engineer orientieren sich stärker an Wirkung und Kompetenz als an klassischen Hierarchien. Das verschiebt die Spielregeln fundamental. Digitalisierung fördert hybride Arbeitsmodelle und messbare Karriereleistungen und das schafft neue Freiräume. Chancen realisieren sich aber nicht automatisch. Unternehmen sollten digitale Kompetenzförderung, transparente Karrierepfade und flexible Arbeitsmodelle aktiv umsetzen. Dadurch wird Digitalisierung zu einem Beschleuniger für Chancengleichheit.


Fast schon klischeehaft: Führen Frauen anders?

Oftmals ja – und das ist ein Wettbewerbsvorteil, kein Klischee. Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt häufiger einen transformationalen Führungsstil leben: Sie fördern Zusammenarbeit, Feedback-Kultur und klare Kommunikation. Gerade in Transformationsprozessen motiviert dies Teams und erhöht die Veränderungsbereitschaft. Es geht dabei nicht um Stereotype, sondern um wirksame Führung. Der entscheidende Hebel ist Diversität im Team, unabhängig vom Geschlecht. Unterschiedliche Perspektiven verbessern Entscheidungen, erhöhen Resilienz und Stabilität. Erfolgreiche Führung hängt weniger von einzelnen Eigenschaften ab als von einer Kultur, in der alle Stimmen Gewicht haben und Teams interdisziplinär zusammengesetzt sind.

Sabine Scheunert auf Fachkonferenz vor Publikum
Foto: MMK

Wie wirken krisenhafte Entwicklungen auf die Situation von Frauen in Führungspositionen?

Krisen verschärfen bestehende Hürden und offenbaren strukturelle Schwächen. Studien zeigen den Glass Cliff-Effekt: Frauen übernehmen Spitzenpositionen häufiger dann, wenn Erfolgschancen niedrig oder Risiken besonders hoch sind. Gleichzeitig erhöhen zusätzliche Pflegeaufgaben und ein Rückfall in Präsenzkultur die Belastung. Diese Risiken lassen sich gezielt verringern: klare Mandate, ausreichende Ressourcen, flexible Arbeitsmodelle und messbare Erfolgsmetriken verbessern Karrierechancen. Führungsteams sollten Diversität bewusst leben, Allianzen bilden und Nachwuchstalente fördern. Wer diese Hebel konsequent nutzt, sichert auch in Krisenzeiten stabile Karrieren und wirksame Führung für Frauen.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken: Welche Hürden für Frauen mussten Sie meistern, und was haben Sie anders oder besser gemacht?

Rückblickend habe ich oft erlebt, dass traditionelle Strukturen und Präsenzlogiken Frauen systematisch ausbremsen. Sei es durch stereotypische Erwartungen oder fehlende Sichtbarkeit in strategischen Projekten. Entscheidend war für mich: Erstens, bewusst Netzwerke aufbauen, nicht nur innerhalb, sondern vor allem außerhalb der eigenen Organisation. Zweitens, Chancen abseits klassischer Karrierepfade zu nutzen und sichtbar Verantwortung für Ergebnisse zu übernehmen – für Umsatz, Projekte, Produkte. Drittens, eine Arbeitsweise zu entwickeln, die Leistung und Familie vereint, statt mich in veraltete Strukturen einzufügen.

„Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen Führungspositionen, weil der persönliche Verlust zu hoch ist, nicht, weil ihnen die Kompetenz fehlt.“

Sabine Scheunert

Wie lassen sich unter den aktuellen Bedingungen Beruf und Familie vereinbaren? Bleiben viele Frauen in Führungsetagen kinderlos?

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nach wie vor eine der größten Hürden für Frauen in Führungspositionen. Sie darf nicht als individuelles Problem abgetan werden, sondern ist eine Organisationsaufgabe. Planbare Kalender, Job-Sharing in Führungsrollen, entstigmatisierte Auszeiten und flexible Karrierefenster sind entscheidend, damit Frauen Karriere und Familie verbinden können. Unternehmen, die das ernst nehmen, gewinnen Talente, die ihre Wettbewerber verlieren. Die Wahrheit ist: Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen Führungspositionen, weil der persönliche Verlust zu hoch ist, nicht, weil ihnen die Kompetenz fehlt. Das ist ein massiver Verlust für Unternehmen.


Was würden Sie jungen Frauen raten, die am Beginn ihrer Karriere stehen?

Drei Dinge. Erstens: Wählen Sie bewusst Positionen, in denen sie Verantwortung übernehmen. Sei es für Umsatz, Projekt oder Produktentwicklung. Zweitens: Bauen Sie aktiv Sponsoren und Netzwerke auf, nicht nur Mentoren. Sponsoren sind Personen mit Budget- und Personalverantwortung, die aktiv Türen für Sie öffnen können. Lernen Sie die Sprache von Software, Daten und Finanzen; das sind die Währungen, in denen strategische Entscheidungen getroffen werden. Drittens: Verhandeln Sie selbstbewusst über Budgets, Teamzusammensetzung und Mandate. Misserfolge sind Lernchancen und Sichtbarkeit ist entscheidend: Zeigen Sie Ihre Ergebnisse, übernehmen Sie Verantwortung und sorgen Sie dafür, dass Ihr Beitrag wahrgenommen wird.

Sabine Scheunert spricht auf Bühne bei Fachveranstaltung
Foto: MMK

Kann man sagen, die deutsche Autoindustrie leide fast schon unter männlicher Dominanz?

Die deutsche Autoindustrie hat ein strukturelles Problem: Homogene Führungsteams treffen homogene Entscheidungen, und genau das können wir uns nicht mehr leisten. Während deutsche Vorstandsetagen über E-Fuels diskutieren, entwickeln diverse Teams in China, USA und Skandinavien die Mobility-Plattformen der Zukunft. Diversität ist keine CSR-Initiative. Sie ist ein Frühwarnsystem gegen strategische Betriebsblindheit.

Wie groß ist der Ehrgeiz bei Frauen, einen „Seat on the Table” zu erreichen – und wie schwer ist es, diesen zu verteidigen?

Der Ehrgeiz ist da, aber die Strukturen verhindern oft, dass er sich in Karrieren übersetzt. Werden strukturelle Hindernisse abgebaut, haben deutlich mehr Frauen den Ehrgeiz, und vor allem die Möglichkeit, sich einen „Seat on the Table” zu erarbeiten. Wer diesen Platz gewinnt, muss messbare Ergebnisse liefern, Veränderungsbereitschaft zeigen und Kundennutzen schaffen – unabhängig vom Geschlecht. Um ihn dauerhaft zu verteidigen, sind datengetriebene Führung, strategische Allianzen, gezielte Talentförderung und bewusste Sichtbarkeit entscheidend. Der Unterschied ist: Männer müssen ihre Kompetenz seltener unter Beweis stellen als Frauen. Das ist kein Gefühl, das ist empirisch belegt. Erfolg hängt weniger vom Geschlecht als von klarer Performance und strategischem Handeln ab. Der Weg dorthin ist für Frauen nach wie vor steiniger und das muss sich ändern.

Michael Hopp

Text: Michael Hopp

Head of Content bei der Gateway-Redaktion und absoluter Pionier beim Erkennen von Automotive Trends

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